Nachhaltigkeit ist divers! – Strukturtreffen des AK Innovation und Umwelt in Heidelberg

Das erste Strukturtreffen des AK Innovation und Umwelt fand dieses Jahr vom 25.06-27.06.2018 im wunderschönen Heidelberg statt. Teilgenommen haben 20 Stipendiaten aus den verschiedensten Studienfachrichtungen und Regionen Deutschlands – also ein guter Mix, um richtig innovativ und kreativ zu werden.

 Nach einem kurzen Blick auf die Projekte des AK IU des letzten Jahres ging es sofort in die Brainstorming-Phase zur Entwicklung von Seminar-Ideen. Es hat sich gezeigt, dass Nachhaltigkeit und Innovation als Themen sehr vielfältig aufgegriffen werden können. Herauskristallisiert haben sich die Themen Health-Literacy (Gesundheitskompetenz), Kernenergie, Agrarpolitik und Forschung. Nun ging es dann gleich auch in die erste Planungsphase in Kleingruppen, um diese Ideen auszuarbeiten. Es wurde leidenschaftlich und angeregt diskutiert und argumentiert. Obwohl es sich nun wirklich um ganz verschiedene Themen handelte, kamen immer wieder die gleichen Fragen auf: Welche Rollen spielen die Politik und das Individuum? Wer kann wirklich Veränderung initiieren und durchsetzen? Wie weit darf die Politik z. B. mit Gesetzen und Regulationen in die Entscheidungsräume des Bürgers eingreifen? Und welche ethischen, rechtlichen und liberalen Dilemmas ergeben sich dadurch? Wie kann man Leute für Nachhaltigkeit sensibilisieren und motivieren? Und natürlich welche Alternativen gibt es für traditionelle Ansätze? Eine Fülle an Fragen, die zu vielen interessanten Gestaltungskonzepten und Ideen für Referenten führte … lasst euch im nächsten Jahr überraschen!

Highlight am Samstag war die Besichtigung der internationalen Bauausstellung (IBA). Die IBA hat es sich zum Ziel gesetzt, durch innovative und interdisziplinäre Ansätze neue Räume für Wissenschaft, Lernen, Vernetzung, Stoffkreisläufe und Koproduktion in der Stadt zu schaffen. Anhand vieler Modelle, Graphiken, Filme und interaktiver Partizipationsmöglichkeiten haben die Besucher der IBA die Möglichkeit, die Ideen, Konzepte und Innovationen hinter den Projekten zu verstehen.

Die Abende wurden zusammen in der malerischen Heidelberger Altstadt verbracht. Bei Cocktails oder Bier konnten wir uns als Gruppe noch besser kennen lernen, diskutieren und den Tag nach produktiven Stunden entspannt ausklingen lassen.

Weiterhin wurde das Treffen des AK IU genutzt, um einen Nachfolger für Karolina Piaskowska zu wählen, die seit 2016 als Koordinatorin im AK IU tätig ist. Neben ihren Aufgaben als Koordinatorin, hat sie u. a. die sehr erfolgreichen AKIU-Seminare zu den Themen Upcycling und Klimawandel mitorganisiert. Wir bedanken uns herzlich für ihr tolles Engagement! Neu im Koordinatoren-Team (siehe rechtes Bild) begrüßen wir dafür Behin Minaei!

Das AK IU freut sich natürlich, euch bei den nächsten Seminaren und dem Strukturtreffen im Herbst zu begrüßen.

 

Informationen zur Autorin

 

Yasmin Youssef
Medizin, 2. Semester
Universität Leipzig
In der Grundförderung seit April 2017

Wie bilden wir unsere MINTler aus?

06. – 08.04.2018 in der Theodor-Heuss-Akademie, Gummersbach

Angesichts des eher spärlichen Angebots naturwissenschaftlicher Seminare innerhalb der Stiftung war es umso erfrischender, dass am sonnigen Frühlingswochenende vom 06. bis 08. April 2018 zahlreiche Teilnehmer in der Theodor-Heuss-Akademie der Frage nachgehen konnte, wie MINTler in Deutschland ausgebildet werden und wie die bestehende Situation weiter verbessert werden kann.

Da neben diversen MINT-Studiengängen wie Mathematik, Physik und Medizin auch verschiedenste andere Studiengänge vertreten waren, konnten im Verlauf des Seminars zu jedem Thema unterschiedliche Sichtweisen einbezogen und somit fundierte Ansätze zur Verbesserung der MINT-Bildung in Deutschland herausgearbeitet werden.

Der erste Abend begann mit dem Vortrag eines Vertreters des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), der seinen Schwerpunkt auf Nachwuchsförderung legte. Mit ihm wurden unter anderem die Situation des Arbeitsmarktes für MINT-Absolventen sowie Möglichkeiten erfolgreicher technischer Bildung diskutiert.

Letzteres war auch am Samstagmorgen in der Gruppenarbeit zu „MINT in der Schule“ ein Thema. Da der Großteil der Lehrer und Eltern keine „digital natives“ sind, ist Digitalisierung noch immer keine Selbstverständlichkeit in Schulen. Diesbezüglich setzte sich eine Gruppe mit dem Thema Lehrerbildung auseinander und stellte unter anderem fest, dass es einen Aufwärtstrend hinsichtlich entsprechender Fortbildungen gibt, der für die nächsten Jahre absolut unerlässlich ist. Weitere Gruppen beschäftigten sich mit didaktischen Methoden, Bildungsbarrieren und Gendersensibiltät – ebenfalls zentrale Aufgaben, die auf dem Weg zu erfolgreicher MINT-Bildung bewältigt werden müssen.

Am Nachmittag gaben vier Altstipendiaten den Teilnehmern spannende und inspirierende Einblicke in ihre persönliche MINT-Laufbahn. Auch wenn Frauen in MINT-Berufen heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr sind, gaben die beiden weiblichen Altstipendiaten den Ratschlag mit, dass man sich als Frau nicht einschüchtern lassen darf. Die letzten Blockaden in den Köpfen der Menschen müssen trotz großer erzielter Fortschritte wohl doch noch beseitigt werden.

Anschließend konnten die Teilnehmer im Rahmen einer Kugellagerdiskussion durch verschiedene kurze Fragen ihre persönliche Sichtweise und bisherigen Erfahrungen mit dem Thema MINT reflektieren. Abgerundet wurde dieser Seminartag durch den Film „Hidden Figures“, der von den beruflichen Erfahrungen dreier afroamerikanischer Mathematikerinnen handelt, die maßgeblich zu den Erfolgen des Apollo- und Mercury-Programms der NASA in den USA beigetragen haben. Der Film war 2017 für drei Oscars nominiert und regte unter den Teilnehmern eine Diskussion dazu, wie sich die allgemeine Situation in den letzten 60 Jahren verändert hat.

Am Sonntagmorgen gab es einen weiteren spannenden Vortrag speziell zum Thema „Frauen in MINT-Berufen“ von der Altstipendiatin Dr. Anja Marzuillo, die im Personalwesen arbeitet.
Die abschließende Diskussion zum Ende des Seminars ergab, dass die Situation des MINT-Bereichs in Deutschland zwar noch alles andere als optimal ist, etwa in Bezug auf die Ausstattung in Schulen, aber man dennoch auf einem guten Weg ist.

Daher eine persönliche Anregung, um schon einmal innerhalb der Stiftung in die richtige Richtung zu arbeiten: Bitte mehr von solchen Seminaren!

Informationen zum Autoren

Michael Collins
Promotion in Mathematik
FAU Erlangen
In der Promotionsförderung seit Mai 2017

Lichter der Großstadt

„München leuchtete“ schreibt Thomas Mann zu Beginn seiner Erzählung „Gladius Dei“. Darin skizziert er München als Kunstmetropole ziemlich ironisierend – was die Münchner selbst aber noch nie daran gehindert hat, diesen Satz gerne und oft zu zitieren und ihn mit anderen Formulierungen wie „nördlichste Stadt Italiens“ oder „Weltstadt mit Herz“ zum Ausdruck selbstgefälliger Großzügigkeit zu machen. Ganz unironisch wird seit Jahrzehnten für ehrenamtliches Engagement jährlich die Medaille „München leuchtet“ verliehen.

„München leuchtete“ bezieht sich im Verständnis der Leute natürlich vor allem auf die Schönheit der Stadt und auf das Lebensgefühl ihrer Einwohner. Thomas Manns Ansichten zur Problematik der atomaren Endlagersuche kommen darin wahrscheinlich nicht zum Ausdruck, und auch mit den sonstigen Interessengebieten des AK IU hat dieser Satz erstmal nichts zu tun. Zumindest bislang nicht. Denn nach dem überaus erfolgreichen Seminar an der THA „Energie im Wandel“ Ende Oktober, fand vom 3. bis 5. November 2017 das zweite Strukturtreffen des Arbeitskreises passenderweise im herbstlich leuchtenden München statt.

 Nach Ankunft in der Jugendherberge und Abendessen dort für die externen Stipendiaten, begann das straffe Arbeitsprogramm Freitagabend. Die Räumlichkeiten für das Seminar wurden freundlicherweise von der FDP München Mitte-West in der Goethestraße zur Verfügung gestellt, mitten im schummrig-schillernden Bahnhofsviertel gelegen. Nach üblicher Begrüßungs- und Vorstellungsrunden sowie Diskussion und Rückblick auf die vergangenen Errungenschaften des Jahres – allen voran oben erwähntes Seminar – begann bereits das umweltverträgliche Abbauen geistiger Rohstoffe, sprich: das Sammeln von Ideen und Konzepten für kommende Seminare. Die Einfälle waren vielfältig: von allgemein bioethischen Ansätzen und agrarwissenschaftlichen Innovationen, über Smart Cities und intelligente Müllvermeidung bis hin zu technischen Entwicklungen in Verkehr, Medizin und Gesamtgesellschaft ließen sie das breite Spektrum an Interessen, das der Arbeitskreis bündelt, erkennen und bildeten die Grundlage für ein spannendes Arbeitswochenende. Zunächst aber sollte der Freitagabend seine Chance bekommen, und klang anschließend in guten Gesprächen und einer improvisierten Stadtführung aus; einige fanden sogar den Weg in das legendäre Glockenbachviertel, die Heimat der Münchner Homosexuellenbewegung und bis heute bekannt für seine Ausgehkultur.


Für Samstagvormittag war eine Exkursion ins Deutsche Museum angesetzt, dem größten Technik- und Wissenschafts-Museum der Welt. Dort wurde die Gruppe durch die aktuelle Sonderausstellung „energie.wenden“ geführt, die bereits im Titel ein cleveres Wortspiel platziert: es gibt nicht nur eine, sondern viele Möglichkeiten, eine Energiewende vorzunehmen. Und wenn es nur eine geben soll, dann wird es im „wenden“ im besten Sinne zum Tun-Wort. Der Tourguide Herr Lucas führte die Gruppe mit markanten Sprüchen und salopper Wissenschaftlichkeit durch die Geschichte des Hauses und die Höhepunkte der Ausstellung. Er referierte über die Vor- und Nachteile sowohl fossiler, solarer und nuklearer Energiegewinnung als auch die mittels Wind- und Wasserkraftwerken. Es wurde klar, auch durch die kritischen Rückfragen der Stipendiaten, dass die Lösungen nie einfach sind, sondern die übliche mediale Darstellung an Komplexität weit übersteigen. Nach der Führung blieb ausreichend Zeit, den Rest der Ausstellung zu besuchen, die sich nicht nur mit Energiegewinnung, sondern auch mit der Nutzung von Energie beschäftigt, etwa den Problemen, die durch unreflektiertes Konsumverhalten und Lebensgestaltung entstehen. Ein spannendes Feature war das sogenannte „politische Parkett“ in der Mitte der Ausstellungsfläche – ein Spiel, bei dem die Besucher in die Rolle von Politikern schlüpfen sollen, die die Energiewende voranbringen wollen. Die Aufgabe für die Besucher besteht darin, mit einer Art Stempelkarte zu 10 verschiedenen Spielstationen zu gehen, bei denen auf Bildschirmen von Interessensgruppen – vom Atom-Lobbyisten über die Wasserkraft-Ingenieurin bis zum Endverbraucher, stets dargestellt von leicht überagierenden Schauspielern – Probleme der Energiewende beschrieben werden. Anschließend darf der Besucher Knöpfchen und Hebel drücken, sprich als Politiker Entscheidungen treffen: Die Spielkarte wird entsprechend gestanzt und am Ende des Spiels von einem Computer ausgewertet. Als Ergebnis erfährt man, welcher Politiker-Typ man sei, und wie die individuelle Vorstellung der Energiewende aussehe. In den Reihen der Stipendiaten waren interessanterweise viele Ansichten vertreten, alles von „Du willst die Natur schützen“ über „Du vertraust auf die Wissenschaft “ bis hin zu „Du denkst wirtschaftlich “.

Nach dem Mittagessen, zurück in den Seminarräumen, stellte Altkoordinator Phillip Debus den Bundesarbeitskreis Umwelt und Verkehr der Jungen Liberalen, den er mittlerweile leitet vor und sprach die Möglichkeit von Kooperationen mit dem AK IU an, denn die Verstärkung der Zusammenarbeit, um die Vorschläge aus dem Themenbereich voranzubringen, liegt beiden Parteien sehr am Herzen. Er stellte sich ebenfalls als neutraler Wahlleiter zur Verfügung für die anstehende Abstimmung: Nach kurzem Wahlkampf wurde Sabine Zips mit absoluter Mehrheit zur neuen Koordinatorin des AK IU gewählt. Mit ihr kommen nun schon zwei von vier Koordinatoren aus München, dem Millionendorf, das sich als guter Tagungsort und sehr geeignet für die sonst geographisch eher etwas benachteiligten süddeutschen Stipendiaten erwiesen hat.

Auch die Inlandsakademie 2018 wurde angesprochen, da sie unter dem Thema Nachhaltigkeit steht – einer der Organisatoren, Simon Leonard Hörmann, stand für Fragen zu Verfügung und warb um Kooperation und Beteiligung. Schließlich arbeiten die Teilnehmer in Kleingruppen weiter an den Seminarideen, was sich teilweise bis in den späten Abend zog und noch nach dem Abendessen beim gemeinsamen Ausklang und Austausch im Café Mozart debattiert wurde.

Sonntag früh schließlich wurden die zahlreichen, ausgearbeiteten Konzepte vorgestellt, und anschließend das Seminar für die zweiten Jahreshälfte 2018 an der THA gewählt. Einstimmig fiel die Entscheidung auf das Konzept mit dem Arbeitstitel „Zero Waste – Zwischen Askese und Innovation“. Dieses Seminar wird sich mit der Müllproblematik beschäftigen und der Frage, wie er intelligent vermieden werden kann: durch Innovationen in der Produktion, etwa kompostierbare Plastikersatzstoffe, über ganzheitliche Produktionszyklen wie etwa im Konzept von „cradle to cradle“, bis hin zu Anpassung des Konsumverhaltens und des Umgangs mit Ressourcen. Es ist geplant, Vertreter alternativer „Lifestyles“ einzuladen, die ihr Konsumverhalten bewusst anders gestalten – wie „Zero Waste“-Praktizierender oder Mönch. Einige der entstandenen Seminarkonzepte wie das Seminarkonzept „Transhumanismus“ sowie das Seminar zum Thema „TechnoSociety“, mit Unterthemen etwa zu Technikgeschichte, „Humanoid Robotics“ oder „predictive policing“, sollen außerhalb der THA umgesetzt werden.

Stark aufgestellt ging das Strukturtreffen zu Ende und sendet gute Signale für das stipendiatische Engagement in Sachen Umwelt und Innovation im Jahr 2018. Während die Teilnehmer Sonntagmittag ihre Rückreise antraten, blieb in der Stadt das Umweltthema unverändert heiß. Denn an jenem 5. November fand ein thematisch passender Bürgerentscheid statt: Die Münchner durften abstimmen, ob ein umstrittenes städtisches Steinkohlekraftwerk seinen Betrieb früher als vorgesehen einstellen solle – im Kern also auch die Frage, ob die Bedenken bezüglich der Versorgungssicherheit oder der Umweltverträglichkeit überwiegen. Eine Mehrheit von 60,2% votierte bei knapper Erfüllung des Quorums für die frühzeitige Abschaltung. Möglicherweise wird München in Zukunft also noch ein weniger heller leuchten – oder eben gar nicht mehr.

Informationen zum Autor
Florian Scheidl
Japanologie M.A.
Ludwig-Maximilians-Universität München
In der Grundförderung seit März 2017

(Perspektiven zur) Energie im Wandel

Innovation – Zwischen Technik und Gesellschaft

Zum Einstieg stellte Mats Simmermacher von der Technischen Universität Dänemarks noch am ersten Abend anschaulich den menschlichen Einfluss auf das Klima dar. Durch die kompetenten Antworten auf diverse Nachfragen, insbesondere bezüglich der Aussagekraft einzelner Grafiken, gelang es ihm dabei, jede Skepsis an der Stichhaltigkeit der Erkenntnisse der Klimaforscher auszuräumen. Obwohl er dabei teilweise tief in das Reich der Chemie eingedrungen ist, brachte er die Kernaussagen stets gekonnt auf den Punkt. Erste Diskussionen zu verschiedensten Aspekten des Klimaschutzes entwickelten sich beim anschließenden Ausklingen des Tages im Heuss-Club.

Der nächste Morgen begann mit einem Vortrag von Herrn Dr. Ludger Mohrbach von VGB-Powertech, einem internationalen Interessenverband von Unternehmen aus der Elektrizitäts- und Wärmeversorgungsbranche. Dieser befasste sich mit den technischen Möglichkeiten und Grenzen der klimafreundlichen Energiegewinnung. Besondere Schwerpunkte legte er dabei auf die eingeschränkte Grundlastfähigkeit der erneuerbaren Energien und die notwendigen Maßnahmen zur Kompensation dieser Defizite. Auch stellte er die Sonderrolle Deutschlands in Bezug auf den Ausstieg aus der Kernenergie dar. Diesen plant keine andere Nation in absehbarer Zukunft, nicht zuletzt, weil die Kernkraft eine weitestgehend treibhausgasfreie Technologie ist und entgegen weit verbreiteten Annahmen auch kosteneffizient ist. Auch eine Diskussion über die Chancen von Carbon Capture and Storage (CCS) Technologie, ein Sammelbegriff für verschiedene Ansätze, produziertes CO2 zu speichern, sodass es nicht in die Atmosphäre gelangt, wurde im Rahmen des Vortrages geführt.

Im Anschluss präsentierte Philipp Behm vom Deutschen Steuerzahlerinstitut die Sicht eines Ökonomen auf die Art und Weise, wie Deutschland seine Klimapolitik betreibt. Dabei stellte er nicht die Ziele selbst in Frage, sondern lediglich die Umsetzungsversuche. Anhand der Betrachtung einzelner Maßnahmen und einer groben Abschätzung ihrer Effizienz arbeitete er sich zu einem Gesamtfazit vor. Darin bemängelte er insbesondere sektorielle und teils planwirtschaftliche Förderungsansätze, die auch Technologieoffenheit vermissen lassen. Eine mögliche Lösung sah er in der Ausweitung des Emissionshandels auf alle Sektoren, womit ein marktwirtschaftliches Instrument mit simpler Umsetzbarkeit und einfacher Steuerung möglich scheint.

Nach der Mittagspause klärte Prof. Dr. Markus Ludwigs der Universität Würzburg das interessierte Plenum über die rechtlichen Randbedingungen auf. Dabei nahm er insbesondere auf das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) Bezug. Obwohl sich nicht viele Juristen unter den Zuhörern befanden, wurde der Vortrag als sehr verständlich bezeichnet. Überraschend war vor allen Dingen die hohe Schlagzahl, mit der der Gesetzgeber an Neufassungen der EEG arbeitet, und wie die Europäische Kommission über Beihilfeverfahren einen starken Einfluss auf das deutsche Gesetz ausübt und sich für mehr Technologieoffenheit und marktwirtschaftlicheres Vorgehen einsetzt. Zudem erfuhren die Teilnehmer, wie der Europäische Gerichtshof und das Bundesverfassungsgericht verschiedene Entscheidungen bewertet haben, was teilweise Anlass für lebhafte Diskussionen bot.

Daraufhin stellte Tim Petzholdt die Forderungen von Greenpeace, wofür er sich ehrenamtlich engagiert, im Bereich der Energiewende dar. Diese bestehen vor allem in einem sehr zügigen Ausstieg aus der Kohleverstromung und in der Beibehaltung des Atomausstiegs. Außerdem fordert Greenpeace, Einfluss auf die Nachbarstaaten zu nehmen, um auch diese zur Abschaltung von Kernkraftwerken zu bewegen. Bedauerlich war, dass auf Fragen zur Versorgungssicherheit nur mit Jahresmittelwerten geantwortet wurde, die keine Aussagekraft im Hinblick auf die dauerhafte Versorgung haben, da dabei die gesamte Fluktuation der Produktion gemittelt wird und diese Fluktuation derzeit nicht durch Speichermedien abgefangen werden könnte. Auch in Bezug auf die verschiedenen Typen von Kernkraftwerksreaktoren und deren GAU-Fälle ergaben sich mehrfach angeregte Diskussionen mit dem Plenum.

Nach dem Abendessen folgte eine Fischbowl-Diskussion, welche zunehmend an Fahrt aufnahm. Neben den bisher angeschnittenen Themen wurde auch der Aspekt des Konsumentenverhaltens diskutiert. Da auch nach dem planmäßigen Ende der Fishbowl noch Diskussionsbedarf bestand, klang auch dieser Abend gesprächig im Heuss-Club aus.

Der letzte Tag begann, zumindest für den Autor, mit einem Höhepunkt der Veranstaltung. Unter dem Titel „Heißer als die Sonne – auf dem Weg zum Fusionskraftwerk“ führte Prof. Dr. Rudolf Neu vom Institut für Plasmatechnik der TU München in die Fusionstechnologie ein. Neben dem aktuellen Forschungsstand und den vorhandenen Problemen wurde auch ein vorsichtiger Ausblick in die Zukunft gegeben. Trotz der hohen Komplexität des Sachverhalts gelang es Prof. Dr. Neu ein grundlegendes Verständnis für den Vorgang der Kernfusion und den notwendigen Bedingungen zu vermitteln.

Als letzter Referent trat Dietmar Brockes, Sprecher der FDP-Landtagsfraktion für Wirtschaft, Industrie und Energie in Nordrhein-Westfahlen auf. Er arbeitete sich von der Kritik an bestehenden Klimaschutzmaßnahmen zu Lösungsvorschlägen vor. Dabei teilte er im Wesentlichen die Kritikpunkte des Ökonomen Philipp Behm und brachte auch ähnliche Lösungsvorschläge vor. Darüber hinaus stellte er die bisherige Fokussierung auf den Elektrizitätssektor in Frage. Er gestand natürlich zu, dass insbesondere die Reformation des Zertifikate-Handels als zentrales Element eines liberalen Lösungsansatzes, aber auch das Einschränken von bisherigen ineffektiven Maßnahmen – trotz horrender Ausgaben wird Deutschland seine selbstgesteckten Ziele bis 2020 ja größtenteils verfehlen – hauptsächlich Sache des Bundes oder gar Europas ist und dort nicht alle Akteure die Ansichten der FDP teilen.

Die abschließende Feedbackrunde offenbarte die Zufriedenheit der Teilnehmer mit den Referenten und den Organisatoren Lutz Lohmann, Max Neumann, Sebastian Siegel und Patricia Zentgraf und lieferte auch zugleich die eine oder andere Idee für zukünftige Seminarthemen. Dank der guten Stimmung unter den Teilnehmern ergaben sich sogar nach dem Ende der Veranstaltung noch Unterhaltungen unter jenen Teilnehmern, die nicht termingebunden abreisen mussten. So endete ein informatives Wochenende mit gepflegter Debattenkultur.

Informationen zum Autor

 

Till Hübschen
Luft- und Raumfahrttechnik B.Sc.
Universität Stuttgart
In der Grundförderung seit April 2016

Frisch freigeschaltet: Anmeldung für das Seminar „Energie im Wandel“

Es gibt neues aus dem AKIU: Frisch freigeschaltet die Anmeldung für das Seminar „Energie im Wandel“ vom 20.-22. Oktober in der THA in Gummersbach

Was Euch erwartet:
Die Energiewende zählt zu den bedeutendsten Vorhaben unserer Zeit. Sie wird durch vielfältige Forderungen und Zielvorstellungen aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft geprägt. Zwischen diesen verschiedenen Interessen bestehen sowohl Verflechtungen als auch Konflikte, deren Auflösung die politischen Akteure vor große Herausforderungen stellt.

Im Rahmen unseres Seminars „Energie im Wandel“, welches den Auftakt der neuen Veranstaltungsreihe „Innovation zwischen Technik und Gesellschaft“ des AK IU bildet, werden ausgewiesene Experten ihre Ideen und Konzepte zu den rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Energiewende, ihrer technologischen Umsetzbarkeit sowie zu ökologischen Aspekten präsentieren. Gemeinsam mit Euch möchten wir die verschiedenen Positionen diskutieren und Lösungsansätze entwickeln.

Anmelden könnt ihr Euch unter https://shop.freiheit.org/#!/Veranstaltung/AALR7.

Wir freuen uns, Euch bald in Gummersbach begrüßen zu dürfen

In Namen der fleißigen Organisatoren Lutz, Max, Patricia und Sebastian
Eure AKIU-Koordinatorenteam

Save the Date: AKIU-Strukturtreffen 2017/II in München

***Für alle, die das kommende Semester planen***

Save the date: Blockt euch das Wochenende vom 3. bis 5. November, um uns auf dem zweiten AKIU-Strukturtreffen wiederzusehen! Diesmal tagen wir im wunderschönen München.

Bis zur Freischaltung der Anmeldung werden noch einige Wochen vergehen, aber was im Kalender eingetragen ist, ist schon mal sicher 😉 Wir freuen uns schon jetzt auf euch!

 

Meeresbrise an der Ostsee und Brainstorming des AK Innovation & Umwelt

Vom 19. bis 21. Mai 2017 nahmen unsere Stipendiaten am AKIU-Strukturtreffen teil, welches dieses Mal unter dem Motto „Sehnsucht nach Meer“ in der Hansestadt Stralsund an der Ostsee stattfand. Umgeben von naturbelassenen Landschaften und einer Meeresbrise um die Nase wurden die etwa zwanzig Teilnehmer zur Entwicklung von neuen Ideen und Seminarkonzepten im Bereich Innovation & Umwelt eingeladen.
Aus allen Teilen Deutschlands trafen am Freitagnachmittag die teilnehmenden Stipendiaten in der Jugendherberge Stralsund ein. In einer freundlichen Begrüßungsrunde mit warmem Abendessen wurden sie von dem Koordinatorenteam willkommen geheißen.

Als erster thematischer Überblick hielt Dr. Michael Naumann vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde einen Vortrag mit anschließender Diskussionsrunde zum Thema „Küstenschutz, Küstenüberwachung und der aktuelle Umweltzustand der Ostsee“.

Er betonte die derzeitigen Herausforderungen des Klimawandels und erläuterte Umweltschutzinitiativen für das herausragende Naturgebiet der Ostsee. In diesem Sinne gab er einen Einblick in die besondere Küsten- und Meeresspiegelentwicklung der Ostsee in den letzten Jahrtausenden und erklärte, wie Landsenkungen, Überflutungen und Inselbildungszyklen die Sediment- und Meerwasserströme in der Ostsee modulieren.

Dr. Naumann beschrieb die aufwendigen Forschungsinitiativen in der Ostsee, die das Ziel verfolgen, durch geophysikalische Sonden den Zusammenhang zwischen dem Meeresrelief, dem Höhenprofil und der tatsächlichen Änderungsrate des Wasserspiegels zu ermitteln und zu verstehen. Auf diese Art und Weise wird die Dynamik der Wasser- und Sauerstoffregeneration und der Sediment- und Nährstoffströmungen in der Ostsee ergründet und verstanden. Die so gewonnenen Kenntnisse werden genutzt, um sinnvolle Maßnahmen für den Schutz der Küstenlinie, der Landschaft und der Meeresbewohner zu erarbeiten.

Nach diesem spannenden Brainstormingimpuls stellte das Koordinatorenteam die Veranstaltungen des AKIU der ersten Hälfte des Jahres vor. Beispiele dafür sind die erfolgreichen Seminare ‚Wasser – Elixier des Lebens‘ und ‚Liberale Lösungswege für den Klimawandel‘. Mit dieser kurzen Einführung wurde die Notwendigkeit unterstrichen, aktuelle Problematiken mit praktischen Ansätzen bei der Planung von Seminaren zu berücksichtigen. Den Abend ließen die Teilnehmer in einer entspannten Kennenlernen-Atmosphäre am Stralsunder Strand mit Blick auf den Sonnenuntergang ausklingen.

Am Samstagmorgen erlebten die Stipendiaten eine Führung im Deutschen Meeresmuseum Stralsund. Neben Aquarien, Meeresschildkröten und interessanten Details über die Geschichte der Fischereitradition in der Ostsee beeindruckten die Teilnehmer vor allem die lebensechten Modelle von marinen Tieren und deren Habitaten, die durch Überfischung und zunehmendem Müll in den Meeren in ihrer Vielfalt verschwinden. Sehr interessant war außerdem das berühmte Modell einer tropischen Lederschildkröte, die im Jahr 1965 in der Ostsee gefunden wurde. Dieses Modell versucht, den Besucher auf die Schönheit und Zerbrechlichkeit der marinen Lebensformen und Habitate aufmerksam zu machen.

Nach diesem anregenden Besuch mit neuen Perspektiven auf die Meereslandschaften rund um die Jugendherberge entwickelten die Stipendiaten den Rest des Samstagnachmittags und Sonntagmorgens neue Seminarkonzepte und Themenschwerpunkte. Die Erarbeitung der Themen erfolgte in verschiedenen Gruppen, u.a. über Smart Cities, Ausbildung im MINT-Bereich, Kosmetik und innovative Transportmethoden (z. B. eBike). Mit diesen vielfältigen Seminarthemen hat sich der AKIU erneut breit aufgestellt und zeigt sich neugierig für aktuelle gesellschaftliche und wissenschaftliche Fragestellungen. Am Sonntagmorgen präsentierten die Gruppen ihre Konzepte im Plenum und stimmten die Seminare für das Jahr 2018 ab.

Während des Wochenendes kamen auch Entspannung und Freizeit nicht zu kurz: Beachvolleyball, kaltes Bier und einige mutige Schwimmer erfrischten sich sogar in den Gewässern der Ostsee. Für die gute Atmosphäre unter den Teilnehmern und das vielfältige interessante akademische und soziale Programm möchte ich mich beim Koordinatorenteam, bestehend aus Karo, Kaija, Lutz, Carina und Max, recht herzlich bedanken, ebenso bei allen, die das Wochenende mitorganisiert und mit ihren Ideen, ihrer Offenheit und guten Laune bereichert haben. Euch allen herzlichen Dank!

Informationen zur Autorin

Carla Madueño
Global Change Ecology M.Sc
Universität Bayreuth
In der Grundförderung seit April 2017

Wasser – Elixier des Lebens

Wenige THA-Besucher kamen vermutlich mit ihr direkt in Kontakt. Dabei nutzt uns das Ergebnis ihrer Arbeit jeden Morgen schon beim Gang ins Bad. Und sie liegt direkt vor der Tür: Die Aggertalsperre. Sie und der lebenswichtige Stoff, den sie zurückhält, sollten uns ein Wochenende lang begleiten.

Wir fahren keine 20 Minuten, da eröffnet sich vor uns der Blick auf das ca. 45m hohe Bauwerk. Gebaut in den 20er Jahren, gefährdet im 2. Weltkrieg durch Bombenangriffe und renoviert in den 60ern, bildet sie ein zentrales Element in der Trinkwasserversorgung im Wassereinzugsgebiet der Agger. Koordiniert wird sie von Prof. Dr. Lothar Scheuer, Geschäftsleiter des Aggerverband, der uns an diesem Wochenende zuerst in die Aufgaben eines Wasserverbandes einführt und uns im Anschluss vor Ort die Sperre näherbringt. Wir starten am Fuße der Talsperre, wo uns direkt beigebracht wird, dass auch ein solch funktionelles Bauwerk kosmetisch ein wenig aufgewertet wurde. Zwar diente als Baustoff Gussbeton, zur ästhetischen Vollendung kleidet sie sich allerdings in einer dicken Schicht aus Bruchstein. Natürlich bleiben wir nicht oberflächlich und besichtigen die Kontrollgänge, zu denen die Öffentlichkeit keinen Zutritt hat. Hier befinden sich schließlich Knöpfe und Hebel, mit denen sich die Ventile und Klappen weiter öffnen lassen. Im oberen Gang entdecken wir dann eine horizontal verlaufende Fissur. Die sei das Ergebnis einer länger aussetzenden Bauphase aufgrund der Insolvenz des ersten Unternehmens damals, werde stets beobachtet, hätte sich aber bisher nie weiter ausgedehnt. Immerhin: Die Talsperre schwankt mit steigendem Wasserpegel um bis zu 1 cm! Im unteren Gang wird es dann feucht. Kondensationswasser („Schwitzwasser“) erzeugt hier den Eindruck einer menschengemachten Tropfsteinhöhle. Das sei aber nicht weiter schlimm, beruhigt uns Prof. Scheuer, lediglich das sogenannte Fugenwasser und Versickerungswasser werde streng überwacht und löse einen Alarm aus, wenn es zu viel würde. Mithilfe zweier Lote werden übrigens die besagten Verbiegungen kontrolliert. Ausgelöst hat dieser Alarm nur einmal – weil sich Schimmel im Wasser gefüllten Schwimmlot gebildet hatte. Heute verwendet man daher Öl.

Natürlich bleibt das Wasser nicht nur im Stausee, um Kajakfahrer und Taucher glücklich zu machen. Prof. Scheuer erklärt uns, dass ein der Staumauer nachgeschaltetes Wasserkraftwerk mit einer Leistung von 2-3 MW Strom für die Region erzeugt. Auch trägt sie zusammen mit Regenüberlaufbecken prophylaktisch durch vorzeitiges „Wasserlassen“ und akut bei Starkregen wesentlich zum Hochwasserschutz bei. Dass wir ein Problem mit Hochwasser haben, liege übrigens häufig am Menschen selbst, wie uns später von Dr. Matthias Schmitt, Leiter der Hauptabteilung Wasser der RheinEnergie AG klarmacht. Am Beispiel des Rheins verdeutlicht er, dass seine Begradigung, also die Beseitigung von natürlichen Nebenflüssen im Bereich des Oberrheins, ein gutes Stück flussaufwärts von Köln, erst die Aufnahmekapazität von Flusswasser dort verringert hat und Köln damit anfälliger für Hochwasser gemacht hat. Der Fokus seiner Arbeit liegt aber auf der Aufbereitung von Trinkwasser. Neben dem Spannungsfeld von historisch begründeten unterschiedlichen Versorgungssystemen links- und rechtsrheinisch lernen wir vor allem den Weg des Wassers zum Trinkhahn kennen. Über Rhein-nahe Brunnen wird das sogenannte Uferfiltrat gewonnen. Ehemalige Autobahnbaugruben dienen als Versickerungsbecken, damit das Uferfiltrat erneut durch den Boden gefiltert und im Anschluss mit Aktivkohlefiltern behandelt wird. Unter strenger Kontrolle der Schadstoffwerte wird es zusammen mit dem Wasser aus Klärwerken in das Netz gegeben und kommt gesünder als abgepacktes Wasser beim Wohnsitz des Verbrauchers an. Und das für 0,002 € pro Liter. Übrigens: Umfragen zufolge fänden die Hälfte der Befragten die Wasserpreise zu hoch, gerade einmal 20 Prozent wüssten allerdings wirklich, was sie bezahlen.

Die Diskussion um Preise oder Gebühren, die von den privat- oder öffentlich-rechtlichen Wasserversorgern erhoben werden, steht wiederum im Spannungsfeld der Monopolstellung der Wasserindustrie, der Deckung ihrer Kosten sowie der Außergewöhnlichkeit des Produktes und seinem Status als überlebensnotwendiges Grundbedürfnis. Prof. Dr. Mark Oelmann von der Hochschule Ruhr West gibt uns hier ökonomische Einblicke in die Regulierung von Wasserpreisen. Dabei stellt er das verpflichtende Benchmarking der 10 Wasserversorger in den Niederlanden dar („naming, faming, shaming“), nimmt Bezug auf einen Wettbewerbsansatz in England durch Zerstückelung der Industrieteile Trinkwassergewinnung, -verteilung und -vertrieb (ähnlich dem Energieversorgungsmodell) und kommt letztlich zum deutschen System. Hier nimmt ein fluktuierender Anteil der 6500(!) Trinkwasserversorger am freiwilligen Benchmarking teil – eine, laut Oelmann eher suboptimale Lösung. Eine weitere Kontrolle der Preise bzw. Gebühren nehmen dann Landeskartellbehörden bzw. Kommunalaufsichtsbehörden vor.

Nach dem ökonomischen Diskurs ist es nun aber Zeit für einen Perspektivenwechsel. Hier übernimmt Dr. Jochem Kail von der Biologischen Fakultät der Uni Duisburg, der uns in seinem Vortrag ökologische Grundlagen des Wasserkreislaufs vermittelt. Denn neben allen konsumorientierten Gedanken dürfen wir nicht vergessen, dass das Wasser viel mehr Funktionen erfüllt, als nur die menschlichen Bedürfnisse zu bedienen. Über den Konnektivitätsbegriff lernen wir die Vernetzung des Flusses mit seiner Umgebung kennen und werden auf eine historische Reise durch die Gewässerentwicklung und -belastung mitgenommen. Dabei erfahren wir wie der Rhein und viele andere europäische Flüsse ausgesehen hätten, hätte der Mensch im Mittelalter nicht schon die Meanderform künstlich herbeigeführt oder später an anderer Stelle die Flüsse tauglich für die Schifffahrt gemacht.

Der Vortrag wird durch einen Einblick in die EU-Wasserrahmenrichtlinie abgerundet. Der Wasserschutz wird nämlich überwiegend auf europäischer Ebene geregelt. Im Jahre 2000 in Kraft getreten zielt die Rahmenlinie darauf ab, bis 2015 einen guten ökologischen und chemischen Zustand unserer gesamten Gewässer herzustellen. Die wesentlichen Elemente der Richtlinie verpflichten die EU-Staaten zur umfassenden Analyse der Flusseinzugsgebiete, Einrichtung eines Überwachungsmessnetzes sowie Erstellung von flussgebietsbezogenen Bewirtschaftungsplänen, welche zyklisch, alle 6 Jahre an die aktuellen Gegebenheiten angepasst werden müssen.

Trotz später Stunde wartet auf uns noch die Wasserverkostung. Voller Erwartungen stellen wir unsere Gläser in der Reihe auf. Schon im Vorfeld wurde angeregt diskutiert, ob man überhaupt einen Unterschied schmecken würde und ob, sofern ein geschmacklicher Unterschied wahrnehmbar ist, es sich nicht um eine Einbildung handle. Die beiden Seminarleiter Swen Straßberg und Markus Fittkow, führen die Wasserverkoster mit gezielten Zwischenfragen auf den richtigen Geschmack. Mehrheitlich verblüffen die mitunter deutlichen Unterschiede zwischen den Wassern, die sich vor allem bezüglich Kalkhaltigkeit (weiches / hartes Wasser), Natriumgehalt und pH-Wert voneinander differenzieren.

Doch die abendliche Wasserverkostung blieb nicht das einzige „Hands-On“-Highlight des Seminars. Am Sonntagmorgen wartet auf uns ein ausführlicher sensorischer Schwellentest für die Geschmäcker sauer, salzig und süß. Swen Straßberg leitet uns durch die intensive Testung. Glas um Glas trinken wir die unterschiedlich konzentrierten Lösungen, um unsere persönlichen Schwellen für die jeweiligen Geschmäcker zu identifizieren. Einige von uns erweisen sich als besonders sensibel. Andere schmecken den Unterschied erst viel später bei einer der höher konzentrierten Lösungen. Allgemein stellen wir fest, dass es je nach Geschmackrichtung Unterschiede gibt. Sauer erkennen wir erst spät, Salzig wird hingegen auch von den eher „Unsensiblen“ schnell erkannt.

Am Ende des Seminars blicken die beiden Seminarleiter in hochzufriedene Gesichter. Welche Erwartungen oder Vorkenntnisse die Teilnehmer auch immer mit zum Seminar gebracht haben: Alle haben das Thema Wasser für sich entdeckt und Wasser, ganz im Sinne des AKIU, mit allen Sinnen erlebt. In stiller Hoffnung auf eine Seminarfortsetzung packen wir unsere mit hochqualitativen Leitungswasser gefüllten Flaschen ein und verlassen einmal mehr den Zauberberg.

Informationen zu den Autoren

Robin Schnelle
Studiert Humanmedizin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
Seit 2014 in der Grundförderung der FNF

Karolina Piaskowska
Studiert Integrated Design an der Köln International School of Design
Seit 2014 in der Grundförderung der FNF

Keep the Change – Liberale Lösungswege für den Klimawandel

An einem verschneiten Januarwochenende trafen sich Stipendiatinnen und Stipendiaten, Lokalpolitiker und andere Interessierte aus ganz Deutschland in Gummersbach, um über den Klimawandel und seine Herausforderungen an eine liberale Politik zu diskutieren. Organisiert wurde das Seminar von Stipendiatinnen des Arbeitskreises Innovation & Umwelt, die mehrere hochkarätige Referenten eingeladen hatten.

Den Einstieg machte Mats Simmermacher, einer unserer Altstipendiaten, der an Dänemarks Technischer Universität in Theoretischer Chemie promoviert. Mats sprach über die physikalischen Grundlagen des Klimawandels. Er führte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die komplexen Zusammenhänge des globalen Klimas und die ihm zugrundeliegenden physikalischen Prozesse ein. Die Erderwärmung, die Versäuerung der Meere, der Anstieg des Meeresspiegels und die Polschmelze waren zentrale Themen. Es wurde an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die dargestellten Messdaten über die Veränderungen des Weltklimas quantitativ nicht durch natürliche Größen erklärt werden können. So haben zum Beispiel die Milanković-Zyklen, die die Bewegung der Erde um die Sonne beschreiben, zwar langfristig einen erheblichen Einfluss auf das Klima, spielen in Zeiträumen weniger Jahrzehnte aber praktisch keine Rolle. Weiter zeigen die Klimadaten der letzten Jahrzehnte immer wieder hohe Schwankungen, doch zeichnet sich ihnen gegenüber ein klarer Trend ab, der nur durch die Zunahme der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre zu verstehen ist. Mats hat auch erklärt, wie Wissenschaftler anhand von Kohlenstoffisotopen in der Luft nachweisen können, dass der Anstieg der Kohlenstoffdioxidkonzentration eindeutig auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe zurückzuführen ist.

In einer Gruppenarbeit am nächsten Seminartag befassten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer weiter mit der Funktionsweise und Aussagekraft von Klimamodellen. Mithilfe einführender Fachliteratur brachten sie in Erfahrung, aus welchen Komponenten ein Klimamodell zusammengesetzt ist und mit welchen verschiedenen Unsicherheiten Modelle behaftet sind. So lassen sich zum Beispiel einige Prozesse wie die Wolkenbildung aufgrund der begrenzten räumlichen Auflösung der Modelle derzeit nicht genau abbilden. Trotz dieser Unsicherheiten kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu dem Schluss, dass Klimamodelle wertvolle Informationen liefern, an denen man sich in politischen Entscheidungsprozessen orientieren sollte.

Im Anschluss an die Gruppenarbeit stellte Dr. Tobias Geiger vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung die gravierendsten Auswirkungen des Klimawandels wie Überflutungen, Dürren, Hitzewellen, Wassermangel und darauf beruhende Migration dar. Auch mögliche ökonomische Folgen wurden thematisiert. In der sich seinem Vortrag anschließenden Diskussion wurde mehrfach Bedauern geäußert, dass diese wirtschaftliche Perspektive unter Liberalen nicht ausreichend wahrgenommen würde, obwohl sie einen guten Ansatzpunkt für liberale Politik bieten würde.

Am Nachmittag des zweiten Seminartages gab Dr. Harry Lehmann vom Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau einen Überblick über die Argumente und Einwände derjenigen, die die Verursachung des Klimawandels durch den Menschen anzweifeln oder gar leugnen. Letztlich seien solche Klimawandel-Skeptiker überall zu finden: in den Medien, unter Politikern und selbst unter Wissenschaftlern. Mehrheitlich würden diese vor allem wirtschaftliche Eigeninteressen verfolgen.

Nach Herrn Lehmann sprach Dr. Sven Schulze von Economic Trends Research in Hamburg über die ökonomischen Perspektiven des Klimaschutzes und darüber, wie der Markt das Klima schützen kann. Kritisch wurde dabei das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bewertet: Zwar sei ein staatliches Eingreifen wegen der externen Kosten des Klimawandels gerechtfertigt, doch sei das EEG ein eher teures Instrument, da mit sinkenden Kosten der Erneuerbaren die Kosten der EEG-Umlage steigen. Effizienter wäre eine allgemeine Emissionsabgabe oder ein Emissionsrechtehandel, da so die besten und innovativsten Lösungen flexibel am Markt gefunden werden könnten. Schulze monierte allerdings, dass der derzeitige Preis der europäischen Emissionszertifikate deutlich unter den zu erwartenden Kosten des Klimawandels läge und die Zertifikate in ihrer bisherigen Form daher nur wenig wirksam wären. Auch müsse der Zertifikatehandel weiter ausgedehnt werden und auf alle Emissionen Anwendung finden. So vermutete Schulze noch großes Einsparpotential bei Verkehr und Wärme. Besonders die Regulierung von Fernwärme sei nicht konsistent.

Beim Kamingespräch am Abend wurde der Bogen zum Liberalismus gespannt. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer bemerkten, dass der Klimaschutz ein wohl eher unliebsames Thema für viele Liberale sei. Trotzdem böte der Liberalismus großes Potential, den Problemen des Klimawandels zu begegnen, da sich eine liberale Wirtschaftsordnung durch Offenheit gegenüber neuen Technologien auszeichne und Ressourcen-Effizienz fördere. Eine Emissionsabgabe sowie ein Emissionshandelssystem könne man zudem als ordoliberale Instrumente bezeichnen, die im Gegensatz zum EEG geeignet seien, eine freie und faire Wettbewerbsordnung zu schaffen. Kontrovers wurde die Rolle des Wirtschaftswachstums diskutiert. Während einige Sorge äußerten, dass das Zwei-Grad-Ziel in Anbetracht des Hungers unserer Volkswirtschaften kaum zu erreichen sei, meinten andere, dass ein erfolgreicher Klimaschutz neue Wachstumschancen ermögliche. Konsens herrschte hingegen darüber, dass es Aufgabe der Liberalen sei, dem auf staatliche Intervention aufbauenden Klimaschutz einen freiheitlichen Lösungsansatz gegenüber zu stellen.

Am Sonntagmorgen hielt Prof. Dr. Markus Lederer vom Institut für Politikwissenschaft der TU Darmstadt den abschließenden Vortrag über das Übereinkommen von Paris und die Zukunft der internationalen Klimapolitik. Als Nachfolger des Kyoto-Protokolls hat der Vertrag vor allem eine Reduzierung der globalen CO2-Emmissionen zum Ziel. Aufgrund der neuerlichen Entwicklungen in den USA waren viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer erleichtert, dass der als agreement ausgestaltete Vertrag auch ohne Ratifizierung im US-Senat Gültigkeit erlangt. Allerdings haben die nationalen Selbstverpflichtungen im Gegensatz zu den im Kyoto-Protokoll festgehaltenen Zielen keine völkerrechtlich bindende Wirkung. Hoffnung spenden kann aber die Tatsache, dass sich 195 Staaten dem Thema des Klimawandels offiziell angenommen und Handlungswillen bekundet haben. Die Staaten stehen außerdem unter Druck, da durch Satellitenaufnahmen und Datenanalysen die Einhaltung der Zusagen überprüft werden kann.

Wenn das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden soll, muss Deutschland seinen CO2-Ausstoß von 10 t/Kopf pro Jahr auf 2–2,4 t senken. Um das zu erreichen, müssen neben den persönlichen Einsatz des Einzelnen mehr politische Anreize treten.

Information zur Autorin

Marie Garstecki
Promoviert in Augsburg in Rechtswissenschaft
Seit Oktober 2016 in der Promotionsförderung der FNF